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von Volker Gallé
Der Anlass, sich mit dem Thema "Kunst und Kultur in Gedenkstätten" zu befassen ist ein doppelter.
Einmal war es notwendig, die bereits seit 1990 beim Förderverein Projekt Osthofen und danach auch von der Landeszentrale für politische Bildung geübte Praxis von Kunst und Kultur in der Gedenkstätte Osthofen zu
reflektieren, um Handlungsrichtlinien für weitere Projekte zu gewinnen, zum Anderen gibt es einen aktuellen Diskurs über die Neubestimmung der Ziele und Methoden sowohl in der Gedenkstättenarbeit als auch in der
politischen Bildung bundesweit. Förderverein und Landeszentrale für politische Bildung haben daher im Frühjahr 2000 eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die ein Konzept erarbeitet hat. Dieses Konzept soll heute
vorgestellt und diskutiert werden, um in Zukunft landesweit Anwendung zu finden. Es soll auch als Basis für ein 2001 geplantes Symposion zum Thema dienen. Schwerpunkte der künstlerischen Arbeit in Osthofen war
und ist die Bildende Kunst, hier vor allem die Bildhauerei. Die Herstellung der Skulpturen, die auf dem Gelände zu sehen sind (1990, Sich Windender, Friedhelm Welge/ 2000, Fünf Steinmale gegen Gewalt, Bernd
Kleffel/Hans-Otto Lohrengel/Bernhard Matthäss/Achim Ribbeck/Peter Schilling), war jeweils ein öffentlicher Prozess, den Besucher/innen der Gedenkstätte mitverfolgen konntan und mitverfolgt haben und der am Ende mit
Fotografien, einem Film bzw. einem Katalog dokumentiert wurde. Daneben gab es diverse Ausstellungs- und Installationsprojekte, Lesungen und Musikprojekte im Kultursommer. Insgesamt erreichte die Gedenkstätte durch
diese Projekte jeweils eine zusätzliche Öffentlichkeit. In den fünf Wochen des "Fünf-Steinmale"-Projekts waren ca. 1.500 Besucher/innen auf dem Gelände, darunter - und das war auch 1990 schon so -
viele Osthofener, die vorher, nach eigenen Aussagen, das Gelände noch nie betreten hatten. Der Produktionsprozess machte neugierig und schuf sowohl einen offen gestaltbaren, "unverfänglichen"
Kommunikationsanlass als auch eine individuell unterschiedlich ausfüllbare Projektionsfläche für Phantasien. In den letzten zehn Jahren hat zudem die Menge der Projektwünsche von hautpsächlich bildenden Künstlern,
die an die Gedenkstätte herantreten, stark zugenommen, so dass Kriterien und Verfahren für eine Auswahl notwendig wurden.
Wenn Sie sich an die letztjährige Informationstagung mit Thomas Lutz erinnern, dann
hat er davon gesprochen, dass derzeit ein Wandle in der Gedenkstättenarbeit festgestellt und auch diskutiert wird. Dieser, so Lutz, gehe in die Richtung, dass die "Aura" des historischen Gedenkortes - ich
benutze diesen Begriff, auch wenn Lutz ihn eher scheute - dass diese "Aura" nicht oder nur noch unzureichend beim jüngeren Publikum wirke. Es müsse zunehmend historische Bildung vorgeschaltet, bzw. in
diese umgeschaltet werden. Das hat mit der Historisierung der Gedenkgegenstände zu tun, eine Debatte, die auch den politischen Kern von Holocaust-Forschung berührt. Diese hat sich ja seit je zwischen dem
Bilderverbot Adornos und dem Wunsch nach, bzw. dem Widerstand gegen das Vergessen bewegt. Aber das nur am Rand. Entscheidend ist die Frage, ob in Zukunft historische Bildung auratische Betroffenheit ersetzen kann,
bzw. muß. Die Antwort aus der Praxis ist: Jein! Natürlich gibt es einen Prozess der Historisierung des Holocaust und anderer NS-Verbrechen, der sowohl historische Bildung notwendig macht als auch neue Chancen
eröffnet, nämlich den Blick der Enkel und Urenkel auf die kollektive Familiengeschichte. Vor allem die Psychotherapie hat mittlerweile hinreichende Beweise, dass die Toten von damals nicht tot sind, und dass die
Verbrechen nicht vergessen, sondern nur verdrängt sind. Es ändern sich mit der Zeit die Perspektiven, aber nicht die Fragen nach den bekannten "Leichen im Keller", und das sogar bei Personen, die sich
vollständig exculpiert, frei oder un-betroffen von den alten Geschichten glauben. Das gilt sowohl für die konkrete Familien- und Lokalgeschichte als auch für unsere kollektive Bildungsgeschichte überhaupt.
Nehmen wir eben Fragen wie das Bilderverbot und seine jüdisch-christliche Tradition, nehmen wir die immer wieder neue Verknüpfung von Heidentum und Gewalt in der Barbarengestalt, nehmen wir die Begrifflichkeit von
Blut und Boden im Recht usw. Dass ich diese Aktualität des Subjektiven sehe, vor und auch ohne historische Bildung, hängt nicht zuletzt mit den konkreten Erfahrungen der Gedenkstättenpädagogik zusammen, und hier
insbesondere des Einsatzes von Kunst und Kultur. Im Mittelpunkt der Gedenkstättenpädagogik steht nach Meinung des Fördervereins Projekt Osthofen nämlich nicht die Wissens-vermittlung - sie ist eher ein Ergebnis als
ein Ziel oder ein Instrument -, sondern die Selbstreflexion des Individuums anhand historisch verorteter Bildungs-Räume. Das aber ist genau die Definition kultureller Bildung überhaupt, wie sie derzeit auch als neue
Perspektive für politische Bildung diskutiert wird. In der Zeitschrift der KuPoGe III/2001 schreibt Holger Ehmke von der Bundeszentrale für politische Bildung: "Die BpB ist seit dem letzten Jahr in einem
Umstrukturierungsprozess begriffen. Dazu gehört auch die Bündelung und Weiterentwicklung von künstlerischen und kulturellen Aktivitäten, die Menschen zu Auseinandersetzungen mit politischen Fragestellungen
bewegen...Die konzeptionelle Arbeit zum Thema politische kulturelle Bildung steht kurz vor dem Abschluss. Sie soll noch in diesem Jahr in der Gründung eines neuen fachbereichs "Politische kulturelle
Bildung" münden." Schon länger befasst sich die in der Akademie Remscheid angesiedelte "Bundesvereinigung kulturelle Jugendbildung" mit diesen Fragen. Ihr Vorsitzender, Max Fuchs, zitiert 2000 in
einer programmatischen Broschüre eine Denkschrift aus NRW: "Kulturelle Bildung, als Allgemeinbildung verstanden, hat ihre Besonderheit in den ästhetisch-gestalterischen und künstlerischen Arbeitsformen und
-methoden. Sie arbeiten "konkret", d.h. sie stützt sich auf die Wahrnehmungen, stärkt diese und wirkt durch die Selbsttätigkeit der lernenden Subjekte. Von anderen Formen der Bildung und Selbstbildung
unterscheidet sie sich dadurch, dass sie künstlerische Ausdrucksformen integriert." (S.82) Übersetzt auf die Gedenkstättenpädagogik bedeutet das, dass nicht nur Kunst als Anlass für pivaten oder pädagogisch
gestalteten Dialog eine Rolle in Gedenkstätten spielen kann und soll, sondern dass zunehmend - wie in einzelnen Kunstprojekten mit Schüler/innen bereits praktiziert, auch die Kunstpädagogik Einzug in die
Gedenkstättenarbeit halten sollte, und zwar sowohl als konstitutives Element der gesamten Pädagogik als auch als Sparte. Lassen Sie mich jetzt auf diesem Hintergrund unser Papier vorstellen:
Präambel
Künstlerische Arbeit und kulturelle Aktivitäten in Gedenkstätten haben immer auch eine gedenkstättenpädagogische Funktion. Sie sind Teil der Gedenkstättenarbeit und bilden einen besonders betreuten Schwerpunkt.
Thesen Gedenkstättenarbeit und Kunst fordern die Beschäftigung mit menschlicher Individualität. Dialog und Dialektik, Gespräch mit dem Gegenüber und Veränderungen bestimmen den hermeneutischen Prozess.
Eindimensionale Erklärungsmuster führen an Struktur und Erfahrung von Gedenkstättenarbeit und Kunst vorbei. Gedenkstättenarbeit beinhaltet das Korrektiv einer historischen Verortung. Kunst in Gedenkstätten muß
diesen Zustand von Beobachtung und Reflexion als kreative Herausforderung annehmen. Kunst kann von ihrer individuellen Suche her grundsätzlich keine Tabus als endgültig anerkennen. Sie muß hinterfragen und
ausprobieren können. Insofern gestaltet sie offene Räume in den Gedenkstätten. Tabuverletzungen dürfen kein Selbstzweck zur Steigerung des Selbstgefühls sein. Ihr Ziel muß die Erweiterung des Erkennntishorizonts
sein.
Anforderungen an Kunstprojekte in der Gedenkstättenarbeit Von Kunstprojekten in der Gedenkstättenarbeit wird grundsätzlich erwartet, dass sie dialogbereit sind, und zwar in bezug auf das Gremium in
der Gedenkstätte, das die den Schwerpunkt Kunst und Kultur plant den Ort der Gedenkstätte und seine Gedenkfunktion das Publikum
Praktische Umsetzung vor Ort: Kunst (und Kultur) in Gedenkstätten wird
sowohl von innen geplant als auch von außen herangetragen. Zur Bearbeitung der Projekte wird eine dauerhafte Arbeitsgruppe installiert, die aus Vertretern der Landeszentrale für Politische Bildung, des Fördervereins
Projekt Osthofen und Fachleuten zusammengesetzt ist. Diese Arbeitsgruppe verabschiedet Grundsätze (siehe Thesen oben), die als schriftliches Dokument jedem Projektträger ausgehändigt werden. Im Übrigen werden die
einzelnen Projekte im Gespräch mit den Künstlern diskutiert und bewertet. Die Projekte sind aufgefordert, den Ort in ihre Arbeit einfließen zu lassen (Geschichte, Denkmalpflege, Institutionen wie Landeszentrale,
Förderverein und vor allem Lagergemeinschaft).Kunst- (und Kultur-) Projekte in der Gedenkstätte Osthofen müssen immer auch offen sein für kulturpädagogische Ansätze, d.h. für den Kontakt mit der Bevölkerung und den
Besuchern Die Gedenkstätte bildet einen Arbeitsschwerpunkt Kunst und Kultur. Veranstaltungen werden nach einem eigenen Konzept betreut (Einbeziehung von Künstlern, Kunstkreisen, Kunstlehrern, Kommunal-, Landes-
und Bundeseinrichtungen mit kultureller Kompetenz etc.). Es wird ein eigenes Netzwerk aufgebaut, ein eigener Infoverteiler. Um die besonderen Aufgaben von "Kunst und Kultur in Gedenkstätten"
herauszuarbeiten und auch nach außen populär zu machen als eine besondere Funktion mit eigenen Regeln wird ein bundesweites Symposium zum Thema veranstaltet. Die weitere Arbeit in der Gedenkstätte wird dokumentiert
und ausgewertet, um die Erfahrungen zu verwerten und das Konzept zu verbessern.
Bildende Kunst Dauerhafte Installationen müssen in die mittel- bis langfristige Planung der Gedenkstätte
(Bauvorhaben/Nutzung/Ausstellung) integriert werden. Vorzuziehen sind vorübergehende Installationen. Diese sollten jeweils dokumentiert und ihre "Reste" in Zusammenarbeit mit einem Kunstmuseum archiviert
werden. Für die Gedenkstätte wird ein mittel- bis langfristiges Konzept erarbeitet, das mögliche Orte fester Installationen (z.B. Skulpturengarten/Außen- und Innengestaltung) ebenso enthält wie ein
Ausstellungskonzept (Räume, Dauer, Dokumentation, Häufigkeit etc.) Das dialogische Prinzip gilt auch für Ausstellungen in klassischer Form. Es kann vom Künstler, bzw. vom Veranstalter auch an Kulturpädagogen
delegiert werden. Für "Kunst am Bau" gelten die gleichen Anforderungen.
Musik, Literatur und Theater Hier reichen die Anforderungen des dialogischen Prinzips aus. Lassen Sie mich zum Schluß aus
einer Pressemitteilung der BKJ zitieren, die mit Blick auf die Terroranschläge vom 11. September unter der Überschrift "Dialog der Kulturen statt Spirale der Gewalt" veröffentlicht wurde: "Die Macht
der massenmedialen Bilder, die eine hohe Emotionalität bewirken und damit gefährliche Kurzschlüsse in den Köpfen bewirken, kann nur entkräftet werden durch eine hohe Bild- und Medien-kompetenz, wie sie die
kulturelle Kinder- und Jugendbildung fördert. Statt einer Emotionalisierung Vorschub zu leisten, gilt es gerade jetzt Angebote zu machen, die den Emotionen Ausdruck geben."
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